Довиждане, България

„Berlin Tag und Nacht“ gehört wohl zweifelsfrei zu den schlimmsten TV-Formaten, die es aktuell im Fernsehen zu „bewundern“ gibt. Fünf, bzw. die genaue Anzahl kenne ich gar nicht, Steroiden-durchseuchte Muskelpakete wohnen mit einer erlesenen Auswahl blondierter „Schauspielerinnen“ in einer Berliner Wohngemeinschaft und präsentieren dem interessierten Zuschauer ungewöhnliche Formen großstädtischen Balzverhaltens. „Ick glob det ja nischt. Hier wat machst denn du mit mit meener Freundin – optional Schwester, Mutter oder Schwägerin – in meener Badewanne?“ Gott sei Dank, ist Berlin bei Nacht viel angenehmer, als es die gruselige RTL2-Sendung dem Nicht-Berliner suggerieren will. Denn die Uhr zeigt mittlerweile 01:37 Uhr an. Ich sitze am Schalter A05 des Berliner Flughafens Tegel und warte mit Bonka auf unseren Anschlussflug nach Frankfurt, der geschmeidige neun Stunden nach hinten verlegt wurde. Aus  21.40 mache 06.25 Uhr. „Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“ Äh, juhuu. Neben einem frustrierten Ehepaar, dass sich über die Telefonierlautstärke unserer bulgarischen Mitarbeiterin beschwert hat – natürlich zunächst nur nonverbal, indem die ältere Dame ihre Finger in die Ohren gesteckt und vorwurfsvoll in Richtung Bulgarien geblickt hat „det is zu laut, hörn se mal“ – und einem verschüchterten jungen Mann, der sich auf eine Bank zum Schlafen gelegt hat, ist der Flughafen wie ausgestorben. Genug Zeit also, endlich den letzten Blog-Eintrag zu verfassen und gleichzeitig unsere Bulgarien-Reise ein wenig Revue passieren zu lassen.

Ein wesentliches Ziel unserer Reise nach Bulgarien bestand darin, herauszufinden, wie wir unsere Jungs im Falle einer Rückkehr in ihr Heimatland unterstützen können. Von besonderer Bedeutung war die Frage, in welcher Form eine medizinische Versorgung vom bulgarischen Staat, auch ohne Krankenversicherung, gewährleistet wird. Auf Nachfrage bei AVIS VITA und Health without Borders wurde uns diesbezüglich der allgemeine Ablaufim Falle einer HIV-Infektion erläutert. So wird nach einem positiven Testergebnis zunächst ein zweiter Test durchgeführt, der an das nationale Labor in Sofia geschickt wird. Bestätigt sich die HIV-Infektion, übernimmt ein Infektions-Krankenhaus,  gibt es jeweils eins in Sofia, Varna, Plowdiw und Burgas, die Betreuung. Der Betroffene erhält fortan Medikamente, die er jeden Monat persönlich abholen muss. Voraussetzung ist jedoch der Besitz gültiger Ausweisdokumente. Somit  handelt es sich nicht um ein anonymes Angebot. Da die Infektions-Zentren nur in bulgarischen Großstädten existieren, ist die medizinische Versorgung auf dem Land deutlich schwieriger.

Darüber hinaus beschränkt sich die kostenlose medizinische Versorgung auf eine HIV-Infektion. Andere sexuell übertragbare Infektionen, z.B. Syphilis oder Gonorrhöe, werden nicht auf Kosten des Staates behandelt, wenngleich einige NGOs kostenlose STI-Tests anbieten.

AVIS VITA existiert seit dem Jahr 2001 und ist im Bereich der HIV- bzw. STI- und TBC-Prävention tätig. Jeden Tag fahren MitarbeiterInnen an bekannte Plätze und verteilen u.a. Kondome und Gleitmittel an männliche und weibliche Prostituierte, an unterschiedliche Risikogruppen, wie z.B. Roma oder i.v. Drogengebraucher, sowie in stadtbekannten Cruising-Areas. Zudem bietet ein Arzt STI-Tests und eine medizinische Grundversorgung an. Seit dem Jahr 2007 wird ihre Arbeit durch den Global Fund finanziert, der am Ende dieses Jahres seine Unterstützung jedoch beendet. Die Zukunft von AVIS VITA ist damit, wie bei vielen anderen sozialen Projekte in Bulgarien und Rumänien, ungewiss.

Ein weiterer Blick auf die Uhr – 02:25 Uhr. In vier Stunden geht es endlich in die Äppelwoi-Metropole, die neben Handkäs‘ mit Musik auch für ihr Rotlichtviertel bekannt ist. Da liegt die Frage nah, welchen rechtlichen Einschränkungen die männliche wie weibliche Prostitution in Bulgarien unterliegt. Sowohl AVIS VITA als auch Health without Borders unterstrichen, dass die Prostitution in Bulgarien weder verboten noch erlaubt sei. Augenscheinlich existiert nur ein Gesetz, dass eine Strafe nur für den Fall vorsieht, dass man die beteiligten „Akteure“ in flagranti oder bei der Geldübergabe erwischt. In der Folge ist die rechtliche Beurteilung äußerst schwammig und bietet genug Raum, Vorteile daraus zu ziehen. So berichteten die MitarbeiterInnen, dass Polizisten nicht selten weibliche Prostituierte in Gewahrsam nehmen, kostenlos sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen und sie dazu nötigen, dass Revier zu putzen.

Die Betrachtung der mann-männlichen Prostitution in Roma-Communities verdeutlicht in diesem Zusammenhang die kulturelle Bewertung von Sexualität im Allgemeinen und der kommerziellen Sexualität im Besonderen. Denn unter den Angehörigen der Roma besitzt die Jungfräulichkeit der Frauen und Mädchen vor der Hochzeit einen hohen Stellenwert. Somit ist es nicht ungewöhnlich, dass die ersten sexuellen Erfahrungen unter gleichaltrigen Jungs gesammelt werden. Ca. 76% der Jungen und jungen Männer praktizieren nach Angaben eines Mitarbeiters von Hesed, die sich seit dem Jahr 1997 für die Gesundheit soziale Entwicklung im Roma-Stadtteil Fakulteta einsetzen, zumeist bis zu ihrer Hochzeit, homosexuelle Sexualpraktiken. In Verbindung mit herrschender Armut transformierte das Erleben sexueller Erfahrungen in Formen kommerzieller Sexualität. Spaß wurde nun, dieses Phänomen wurde speziell ca. seit dem Jahr 2001 erkennbar, mit einem Verdienst verknüpft, der nicht per se mit Homosexualität oder Prostitution in Verbindung gebracht wird.In der Folge stellt ein Park in der Nähe von Fakulteta einen Ort dar, der von jungen Roma und Freiern zur Kontaktanbahnung und Prostitutionsausübung  gleichermaßen aufgesucht wird.

Die Präventionsstrategie von Hesed richtet sich an informelle Leader unterschiedlicher Roma-Peer-Groups. Sie wurden im Rahmen einer Pilotstudie (!) zur Teilnahme animiert, mit einer Aufwandsentschädigung entlohnt und bezüglich ihrer (risikoreichen) Sexualpraktiken befragt und anschließend in unterschiedlichen Präventionsstrategien geschult, die sie an ihre jeweilige Peer-group weitergeben sollten. Nach Aussage von Hesed konnte bei 46% aller Teilnehmer eine Veränderung dahingehend bewirkt werden, dass sie aktiv Strategien zur STI-Prävention anwenden. Grundsätzlich bleibt die Aufklärung über HIV / AIDS dennoch schwierig, da viele Roma oder auch andere Personen, so die Erläuterung eines Mitarbeiters, eine Krankheit „ohne Symptome“ zunächst nicht als Krankheit wahrnehmen und unterschätzen.

Health without Borders (HWB) betreiben dagegen überwiegend Straßensozialarbeit. Seit 2009 sind sie im Bereich MSM tätig, zu denen auch männliche Prostituierte gehören. Beide Gruppen sind eng miteinander verwoben. Schätzungen zufolge gehen 8 bis 10% der Männer, die den MSM zugerechnet werden, der Prostitution nach. Die MitarbeiterInnen, zu ihnen gehören 5 Streetworker, besuchen regelmäßig Gay-Discos, Bars und Clubs in Sofia und betreiben strukturelle Prävention, stehen aber auch für Beratungsgespräche  zur Verfügung. Leider ist ebenfalls die finanzielle Unterstützung von HWB durch den Global Fund beendet, sodass die zukünftige Finanzierung zunächst ungewiss bleibt. Alle MitarbeiterInnen arbeiten zurzeit ehrenamtlich.

Zum Abschluss unserer kleinen Reise – es ist nun 03:55 Uhr – noch eine letzte Anekdote, die so herrlich jedes Klischee bestätigt. 😉 Schauplatz ist ein nettes Cafe in der Innenstadt von Sofia. Bonka und ich, geschwächt von unserer kleinen Sight-Seeing-Tour durch Bulgariens Hauptstadt, tranken einen Kaffee und aßen einen leckeren Muffin. Aus dem Nichts, mit einem Schrei und viel Rauch, es roch überall nach Schwefel und 23 Katzen….na ja gut, wir müssen es ja auch nicht übertreiben….also wieder ein bisschen zurück. Es tauchte auf einmal eine alte Dame mit einem Bündel „Pflanzen“ auf. Es waren kleine Zweige, die wahrscheinlich irgendeine „magische“ Bedeutungbesitzen oder es zumindest ausdrücken sollen. Die Dame kam zu uns, sprach irgendwas, ich verstehe ja leider nie etwas, und legte uns einen Teil ihrer „magischen“ Grünpflanze auf den Tisch. Ah, dachte ich: Wieder so ein Kleingeld-Trick. Bonka meinte, ob ich der „Floristin“ nicht einfach ein bisschen Kleingeld geben könnte. Nun gut, ich wollte das Kleingeld eh loswerden,  ich gabihr die restlichen Münzen aus meiner Hosentasche. Daraufhin dachte ich eigentlich, dass die Vorstellung damit beendet ist. Weit gefehlt. Denn sie ging erst richtig los. Zunächst küsste sie mir meine Hand. Es wurde wieder irgendwas geprappelt. Übersetzt hieß das, dass ich ein reines Herz habe und 100 Jahre leben werden. So weit, so gut. Gut, und dann war Bonka an der Reihe. Bonka ist ein sehr starker Mensch, der jedoch Probleme mit den Nerven hat. Dann wurde ihr aus der Hand gelesen. Großartig dachte ich, das wollte ich immer schon mal sehen. Übrigens waren wir beide auch auf einmal die große Liebe des jeweils anderen. Das war mir neu. 😉 Dann griff Bonka auf einmal in ihren Geldbeutel, um eine Banknote mit einem nicht geringen Wert hervorzukramen und ihr nach kürzester Zeit der Dame zu übergeben. Sie nahm ihn in die Hand – ok Bonka, den Schein siehst du nie wieder – und spuckte eine nicht unerhebliche Menge Speichel auf beide Seiten des Geldscheins. Wie einst Rudi Völler, wenn er auf den Fußballfeldern dieser Welt seine Nase „putzte“. Man könnte fast sagen, die alte Dame mit ihrem Goldzahn und Gehstock salbte ihn. Das ganze Schauspiel noch einmal mit einem 5 €-Schein. Und die „Wahrsagerin“ zauberte was das Zeug hielt. Es folgte Highllight 2: Drei Knoten in einen kleinen Faden knoten. Ich ließ zu diesem Zeitpunkt meinen Rucksack nicht mehr aus den Augen.Gekonnt zwirbelte sie den Faden durch die Hände, ich wartete die ganze Zeit darauf, dass sich die Knoten in bester David Copperfield-Manier auflösen, aber nichts von dem passierte. Dann wurde es noch einmal spannend. Denn die alte Dame wollte sich natürlich mit ihrer Beute aus dem Staub machen.“Und jetzt sei nicht verärgert, dass du mir so viel Geld gibst.“ Daraufhin wurde kurz aber bestimmend diskutiert. Und siehe da, die Zauberdame rückte tatsächlich ihre Beute –  im Tausch mit einem 2 Lewa-Schein – wieder heraus. Bonka vs. Gräf(in) Zahl: 1:0. Ich bin stolz auf dich. 😉

Zu Abschluss noch ein riesiges Dankeschön nach Hamburg, dass wir eure Erlebnisse teilen durften! Schön war’s!!! Auf Wiedersehen, Bulgarien.
So. 04:23 Uhr.
Euer „Frankfurt“ 🙂

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Taubstumm in einem fremden Land

Wie wichtig Kommunikation für das soziale und alltägliche Leben ist, merkt man erst, wenn Kommunikation schwieriger oder gar nicht mehr möglich ist. Bereits ein Besuch in einem kleinen Dörfchen im Odenwald – man denke z.B. an Hummetroth oder Gumpersberg – wird diese kleine soziologische These nahezu uneingeschränkt verifizieren.“Die rooh gereiste sin ach nemmer was sie sellemoals worn“ = „Die roh in der Pfanne gegarten Kartoffeln waren früher auch einmal schmackhafter.“ Was sich schon in heimatlichen Gefilden beobachten lässt, besitzt fern der Heimat natürlich eine besondere Qualität. Zum einen lässt die bulgarische Sprache für westeuropäische Ohren und Sprachkenntnisse keinerlei Mutmassungen zu. Es könnte ebenso gut Klingonisch sein.“Teschtri samu bransnatschka.“ Und, haben sie es verstanden? 😉 Zum anderen verhindert das kyrillische Alphabet – für mich zumindest -, Worte angesichts ihrer Form und Buchstabenanordnung wiederzuerkennen. Damit ist der hessische Soziologe doppelt hilflos, was ihm natürlich regelmäßig vor Augen gehalten wird. Denn es lassen sich weder die Speisekarte noch Rechnungen noch Hinweisschilder hinsichtlich ihrer Bedeutung verstehen oder wenigstens ansatzweise interpretieren. „Lass mal eben sehen, wie viel ich bezahlen muss. – Ach so, ich kann das ja gar nicht lesen.“ „Was gibt es da zu essen? Hamburger? Tomate! Achso.“ Wie toll doch Speisekarten mit Bildern sind. Der pädagogische Wert dieser Erfahrung liegt nun darin, dass wir nun sehr gut nachvollziehen können, wie es wohl unseren „Jungs“ ergeht, wenn sie aus Bulgarien nach Westeuropa reisen und neben einer Vielzahl unterschiedlichster Herausforderungen mit den genannten Sprachbarrieren konfrontiert sind.

Der Ursprung dieser hoffnungsvollen Wanderung nach Westeuropa lässt sich in Stolipinovo, dem wohl berühmtesten Stadtteil von Plowdiw, hautnah erleben. Insgesamt 50.ooo Menschen leben hier in einer der größten Roma-Communities in Südosteuropa. Ausgrenzung, Armut und Hoffnungslosigkeit lauten diesbezüglich wiederkehrende Schlagworte, die in zahlreichen Fernsehberichten und journalistischen Artikeln regelmäßig hervorgehoben werden. Ein Grund mehr, einen persönlichen Eindruck von diesem verschlossenen und geheimnisvollen Mikrokosmos zu erhalten, der für einige unserer Jungs das Zuhause darstellt. Daher galt unser erster Termin am heutigen Tag dem Roma Centrum Stolipinovo. Seit 22 Jahren setzen sich deren MitarbeiterInnen für die Roma in Plowdiw ein. Aktuell wird das Projekt durch den Global Fund finanziert. Im Vordergrund steht zur Zeit die STI- und HIV-Prävention bei Jugendlichen und Männern zwischen 12 und 25 Jahren, die zu einer Risikogruppe – i.v. Drogengerbaucher, HIV positive Menschen und Prostituierte – gehören. Zehn MitarbeiterInnen verteilen Informationsbroschüren, Kondome und Gleitgel und bieten ferner Beratungsgespräche und HIV bzw. STI-Tests an. Im letzten Jahr hatten sie nach eigener Auskunft über 10.000 Kontakte zu Personen ihrer Zielgruppe. Hierfür suchen die Streetworker feste Plätze in ihren Bezirken auf, an denen sie in den Abendstunden für jeweils drei Stunden ihr Angebot unterbreiten. Interessanterweise gehören die Streetworker selber zur Roma-Community. Sie sind dort aufgewachsen und leben dort. Gleichwohl gibt es eine Anlaufstelle, die von Montag bis Freitag von 8:30 bis 16.30 Uhr geöffnet ist.

Seitlich aller Fakten und Informationen waren die persönlichen Eindrücke vor Ort wieder einmal sehr faszinierend. Zum einen bin ich immer wieder darüber erstaunt, wie schnell sich Strassen und Wohnhäuser verändern können. Als wir mit unserem Taxi hineinfahren, merkt man sehr schnell, dass viel mehr Leute ihr Leben auf der Straße verbringen. Sie sitzen zusammen vor kleinen provisorischen Cafes, Einkaufsläden oder sonstigen Läden, überall ist Leben, es schallt Musik durch die matschigen Strassen, Autos und Pferdekutschen fahren vorbei, Kinder spielen, alte Menschen betteln. Dennoch wurde uns abgeraten, alleine durch die Straßen zu laufen, sodass wir diese kleine Momentaufnahmen ausschließlich von dem Gelände des Roma Zentrums miterleben können. Sehr eindrucksvoll. Charakteristisch für das Stadtviertel sind die Wohnblocks aus den 1970er Jahren. Wie uns erzählt wurde, funktioniert die Infrastruktur so gut wie gar nicht mehr. So seien die Keller komplett mit (Ab)Wasser überflutet, die Aufzüge funktionieren nicht, Strom scheint es dennoch zu geben. Und auch der Blick in die Hausflure und Treppenhäuser, die teilweise nur durch Bretter oder Metallplatten verdeckt sind, lassen erahnen, dass die Wohnbedingungen wohl als prekär einzuschätzen sind.

In einer kleinen Pause bekommen wir einen Kaffee von einem kleinen Kiosk direkt im Viertel. Klein und lecker. 🙂 Anschließend wurde uns erzählt, dass aktuell viele Drogen innerhalb des Viertels sowohl verkauft als auch konsumiert werden. Da Needle-Change bzw. Safer-Use-Programme nicht ausreichend installiert sind, steigt seit 2009 die Anzahl der Menschen mit einer HIV-Infektion, so die Erklärung des Outreach-Teams. Auch das Bildungsniveau ist sehr niedrig. Es existieren nur vier Schulen und ein Kindergarten. Programme zur Integration laufen zwar, der Erfolg ist jedoch schwer einzuschätzen. Viele Roma suchen daher Erwerbsformen und -möglichkeiten im Ausland, speziell in Deutschland. Bestimmte Städte werden dabei mit bestimmten Tätigkeiten gleichgesetzt. So zählt Hamburg als Stadt, in der man besonders gut in der mann-männlichen Prostituton Geld verdienen kann. Köln repräsentiert eine Stadt, die sich für eine Beschäftigung im Baugewerbe eignet. Dagegen arbeiten in Dortmund vermehrt weibliche Prostituierte aus Bulgarien. In diesem Zusammenhang verwiesen die MitarbeiterInnen des Roma Centrums auf eine einfache aber nachvollziehbare Erklärung, warum das Ruhrgebiet ein beliebtes Migrationsziel darstellt. Denn in Dortmund und Umgebung leben viele Türken, mit denen sich die Roma, 70% der in Stolipinovo lebenden Roma gehören der türkischen Minderheit an, verständigen können. Die Betrachtung sozialer Netzwerke und Beziehungen soll an dieser Stelle unbetrachtet bleiben. 😉 Auf Nachfrage, für welche Erwerbsform denn Frankfurt über die Landesgrenzen hinaus bekannt sei, gab es leider keine Antwort.

Damit wäre unsere Zeit im wunderschönen Plowdiw schon vorbei. Denn heute ging es mit dem Zug nach Sofia Bulgariens größte Stadt. Es ist wieder spät, d.h. der Bericht über AVIS VITA verzögert sich, um in Zugvokabular zu bleiben,  ca. 1440 Minuten.

 

Licht und Schatten

Grosse Ereignisse werfen bekanntermaßen ihre Schatten voraus. Diese kleine Weisheit des Alltags, die ursprünglich einem Gedicht von Thomas Campbell entstammt, findet immer dann an Verwendung, wenn es erste Anzeichen für das Bevorstehen einer bedeutenden Veränderung oder einer besonderen Veranstaltung gibt. So lautet zumindest die erhellende Erklärung aus dem großen gelben Buch mit den fünf Buchstaben. In einer (pseudo)philosophischen Perspektive, die beim Autor dieses kleinen Berichtes vermutlich durch eine Kombination aus Schlafmangel, einem doppelten Espresso nach 21 Uhr sowie einer nicht minder gefährlichen Portion Schafskäse in der Blutbahn ausgelöst wurde, lässt sich der Schatten gleichwohl als Symbol für die Gegensätzlichkeiten des Lebens begreifen. Denn dort, wo es Licht gibt, gibt es in der Regel auch immer Schatten. Die berühmten zwei Seiten der Medaille.

Auch im wunderschönen Plowdiw, das sich am zweiten Tag erneut von seiner sonnigen und vielfältigen Seite präsentierte, gibt es Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die eher ein Schattendasein fristen und entsprechend im Fokus sozialer Projekte und Nichtregierungsorganisationen (NGO) stehen. Eine der größten Institutionen in Plowdiw ist das Bulgarische Rote Kreuz. Zu ihrer Hauptzielgruppe gehören Kinder in schwierigen Lebenssituationen, z.B. Waisen- und Strassenkinder, und alte Menschen, die von Armut und / oder Gewalt betroffen sind. Unser Besuch in den Räumlichkeiten des Roten Kreuzes war deutlich „offizieller“ als ich es wieder einmal vermutet hätte. Die Direktorin und ihre MitarbeiterInnen begrüssten uns höflich und baten uns, an einem großen Tisch mit Wasser und einer leckeren Gebäckmischung Platz zu nehmen. Ich stelle immer wieder fest, dass die Damen und Herren in Osteuropa deutlich adretter  auftreten als der, ich sage mal lockere „Soziologe im Sozialarbeitergewand“, der stets Schwierigkeiten hat, seine Hose an der vorgesehenen Körperstelle zu behalten. Hosenanzüge, Kostüme und schicke Hemden sind dagegen in Bulgarien und Rumänien bei repräsentativen Anlässen keine Seltenheit. Ähnlich diszipliniert referierte die Direktorin des BRC über die einzelnen Tätigkeitsbereiche. Natürlich im Stehen. 🙂 Neben der Berg- und Wasserrettung gibt es u.a. Jugendgruppen, die sich mit der HIV- und STI-Prävention beschäftigen. Dieses Themenfeld war für uns natürlich von besonderem Interesse. In diesem Zusammenhang konnten wir erfahren, dass auch in Bulgarien eine staatliche medizinische Versorgung für HV-positive Menschen existiert, die nicht an einen bestehenden Krankenversicherungsschutz gekoppelt ist. Weiterhin galt es die Frage zu erörtern, inwieweit Klienten im Sinne eine Rückkehrhilfe an das Rote Kreuz vermittelt werden können.

Weitere Arbeitsfelder richten sich aus aktuellem Anlass an Flüchtlinge aus Syrien und ältere Menschen, die weder über eine Rente noch über anderen Einkünfte verfügen und in der Folge mit Lebensmitteln versorgt werden müssen. Der größte Teil der MitarbeiterInnen – insgesamt sind es 400, die wiederum in 12 Gruppen organisiert sind – des Roten Kreuzes arbeiten ehrenamtlich. Da das Angebot des BRC sehr vielfältig ist, die Uhr aber schon wieder 1 Uhr anzeigt, rate ich, einen Blick auf die Homepage zu werfen. Dort gibt es eine Vielzahl interessanter Infos.

Während im Anschluss unsere Bonka und eine Kollegin aus HH der Straßensozialarbeit  von AVIS VITA beiwohnen durften, unternahmen ich und eine kleine Splittergruppe der Hamburger Nordlichter einen Ausflug in die Stadt Kritschim. Kritschim ist eine kleine Stadt außerhalb von Plowdiw, die in zwei Teile aufgeteilt ist. Auf der einen Seite wohnen die Bulgaren, auf der anderen Seite Angehörige der Roma. In der Mitte verläuft ein Fluss, der beide „Stadtteile“ voneinander trennt. Da angesichts des knappen Zeitbudgets eine Busfahrt nicht mehr in Frage kam, organisierte Marko, die Hochleistungsübersetzungsmaschine aus Hamburg, einen Taxifahrer, der uns für einen Festpreis nach Kritschim fuhr, dort wartete und uns wieder zurück nach Plowdiw brachte. Auch wenn der Taxifahrer es absolut nicht verstehen konnte, warum die vier bleichen Westeuropäer ausgerechnet in dieses verlorene Nest wollten – Schulterzucken, „No Tourism“, Schulterzucken – und auch sein Angebot, an einen schönen See zu fahren, dankend ausgeschlagen wurde, ging die Fahrt zügig los. Man bemerke zunächst die bulgarische Art des Überholens. Schritt 1: Dicht an den „Gegner“ heranpirschen. Erst wenn das Kennzeichen des Vordermannes nahezu in greifbare Nähe kommt (schau mal, das Kennzeichen wurde durch eine Kreuzschraube befestigt), links ausscheren. Das muss nicht unbedingt sehr flott erfolgen. Denn man hat ja noch jede Menge Zeit, auf der Gegenfahrbahn Schritt 2 einzuleiten. Also Schritt 2: Wir befinden uns nun seit geraumer Zeit auf der Gegenfahrbahn. Die Geschwindigkeit wird trotz Gegenverkehr, der ebenfalls immer näher kommt, nicht spürbar erhöht. Und so wird in konstantem Tempo der Überholvorgang abgeschlossen, oder aber die Gegenfahrbahn so lange benutzt, bis, ja bis es selbst dem Taxifahrer ein wenig zu heikel wird. „Kritschim, no Tourism“

Im Stadtzentrum angekommen haben wir auch gleich neue Freunde in Gestalt von zwei kleinen Roma-Jungen gefunden. Sie winken und rennen auf uns zu, geben uns zur Begrüssung die Hand. Sehr nett eigentlich, wenngleich das Ritual natürlich seinen weiteren Verlauf nahm. – Noch ein Tipp vom Taxifahrer: „Attention, Gypsies.“ – Und dann ging es auch schon los. Der Kleinere und Jüngere von beiden signalisiert uns ganz deutlich, dass er wohl Hunger hat und ebensogerne neue Schuhe hätte. Interessanterweise, so habe ich zumindest das Gefühl, weist der Ältere seinen Bruder (?) an, bei wem er betteln soll. Ist der potentielle Spender auserkoren, wird unter den wachsamen Augen des „Bruders“ das „Bettelritual“ gestartet. Da er wohl weiss, dass wir ihn vermutlich nicht verstehen, beschränkt er sich auf nonverbale Zeichensprache. Ein trauriger Blick, ein Fingerzeig auf den Bauch. Als ich dann versucht habe, mittels zweier bulgarischer Vokabeln mitzuteilen, dass ich kein Kleingeld habe – „Niama Stotinki“ (natürlich eine lausige Übersetzung) – bekam ich als Antwort „Wie geht?“ Der kleine Fuchs hatte also in kürzester Zeit meine Nationalität mehr oder weniger zufällig herausgefunden und schlagartig seine Strategie geändert. Ich finde – und das meine ich in keinster Weise ironisch – das hat Respekt verdient! Natürlich stelle ich mir die Frage, wann und von wem er diese Deutsch-Basics gelernt hat. Ich schätze ihr auf max 10 Jahre. Da wir nach Kritschim gefahren sind, weil viele Klienten des Basis-Projektes von hier kommen, könnte es gut sein, dass Freunde, Familienmitglieder oder sonstige Verwandte bereits in Westeuropa waren und dadurch greifbare Spuren in ihrem Heimatdorf hinterlassen haben.

Das Städtchen ist für meine Augen ein typisches ländliches Dorf. Man beachte die Bilder unten. Auffällig ist nur der neue Platz vor dem Rathaus, der mit insgesamt 24 Mülleimern und einem kleinen Brunnen ausgestattet ist und augenscheinlich komplett neu gestaltet wurde. Letztere wird von einer Gruppe Roma-Kids als Pool verwendet. Auch wenn das Wasser nur ca. 30 cm tief ist, wird beherzt Anlauf genommen und kopfüber hineingesprungen. Zwei andere Jungs kommen vermutlich vom Müll sammeln und laufen mit Tüten voller Plastik über den „Rathausplatz“ und eröffnen damit einen kleinen Einblick in den Alltag junger Roma in den Randgebieten der zweitgrößten Stadt Bulgariens.

Nach einem kleinen Snack in einer Bar – Pommes mit Schafskäse – und einem weiteren Versuch unserer Freunde, ein bisschen Kleingeld oder etwas zu Essen herauszuschlagen, ging es zurück nach Plowdiw. Denn wir hatten noch einen Termin bei AVIS VITA, von dem ich aber morgen berichten werde. 🙂

 

Land und Leute

Eine Reise mit der „Billigfluglinie“ Ryanair verbindet auf einzigartige Weise eine Achterbahn- mit einer Kaffeefahrt. Da wäre zum einen die liebevolle Innenausstattung. Enge Sitzreihen, umhüllt von feinstem Plastik, tauchen den Passagierraum des Fluggerätes in ein wohlig-grelles und augenscheinlich leicht zu reinigendes gelb und blau, wie es auch in den Wagons der „Wilden Maus“ oder der „G-Force“ möglich wäre. Der Sitznachbar Marke „priority Boarding“ hat natürlich schon beide (!) Armlehnen für die geplante Reisezeit von 2:10h in Anspruch genommen. Der Sitznachbar in der hinterern Reihe hat dagegen einen kleinen Besuch in der Schnapsabteilung des örtlichen Duty Free Shops abgestattet, infolgedessen eine leichter Hauch von Hochprozentigem die Luft durchtränkt.  Nichtsdestotrotz, Rucksack verstauen, Anschnallgurt schließen, und dann kann endlich die Reise nach Bulgarien losgehen. Zdrasti, Bulgaria! Natürlich gibt es kenen Flug ohne die  Begrüssung durch den Kapitän persönlich: „Ladies..hgmmrtpg….Captain Bäumer – schon interessant, dass der Name des Flugkapitäns als einziges immer klar verständlich ist – hgtzrmmpg…Cabin-Crehrrrtzk..wszzt gokrd Flxxght.“ Währenddessen rollt die Boeing 737-800 Richtung Startrampe. Spätestens ab jetzt wünsche ich mir manchmal diese „Schulterbügel“, die einem beim Looping im Sitz halten. Ich weiss nicht, ob es an der geografischen Lage des Flughafens Hahn liegt – die Brise war zumindest nicht zu unterschätzen – oder weil ich dieses Mal keinen Fensterplatz und damit keinen festen Horizont hatte, an dem ich mich orientieren konnte. Denn der Start war ein  Wechselbad unterschiedlichster Gefühle in der Magengegend. Captain Ahab…äh Bäumer heizte dem Plastikvogel ordentlich ein.Da biegt sich die Verkleidung, die Handgepäckfächer verbiegen sich sogar soweit, das ein – evtl. ist er Ingenieur – ein Foto davon macht. Es war also nicht verwunderlich zu beobachten, dass die ein oder andere Hand in die Hand des jeweiligen Partners / der jeweiligen Partnerin wanderte oder der Kaugummi für den Druckausgleich ordentlich malträtiert wurde. „Eine Runde geht noch, wer will nochmal, wer hat noch nicht?“ Ist der aufregende Teil vorbei, kommt Programmpunkt 2: Die Kaffeefahrt. „Darf ich Ihnen einen Kaffee für 3€ anbieten? Ein Bier für 5 €? Einen Red Bull für 7,50? Parfum vielleicht? Ein Sandwich…?“

Aber nun genug gemeckert, denn nach der beklatschungswürdigen  „Notlandung“ – so sah es zumindest ein Teil der Mitreisenden, wahrscheinlich die Duty Free-Truppe – erwarteten mich Sonne und bestimmt 24 Grad Aussentemperatur. Grossartig. Da der Flughafen nur von Ryanair angeflogen wird, war dementsprechend wenig los. Denn auf dem gesamten „Flughafen“ stand nur eine einzige Maschine. Und zwar die, mit der ich geflogen bin. Das Feuerwehrauto überwachte hoffentlich nur den ordnungsgemässen Tankvorgang.

Aus der Tür raus, kam mir schon Bonka, mein persönlicher Bulgarien-Guide und unsere studentische Mitarbeiterin, samt ihrer Elternschaft entgegen. Zdrasti, Bon-Bonka. Nun war eine kleine Runde Sightseeing angesagt. Zuvor musste jedoch noch das Parkticket bezahlt und die dazugehörige Schranke passiert werden. Allerdings war die eingeräumte Karenzzeit von 15 Minuten zwischen Verlassen des Bezahlautomaten und des Verlassens der Parkzone eindeutig zu kurz, weil zu viele Autos den Parkplatz gleichzeitig verlassen wollten. In der Konsequenz  musste nahezu jedes Auto eigentlich nachbezahlen. Das Ticket wurde in den Automat hineingesteckt, das Ticket kam wieder raus, das Ticket wurde gedreht und wieder in den Automat gesteckt, das Ticket kam wieder raus, das Ticket wurde erneut gedreht…genau, es kam wieder raus. Hupen und besserwissen von allen anderen Mitparkern natürlich inklusive. Leider kann ich ja nicht verstehen, was sie sagen. Zusammenfassend ein fragiles System. Die Lösung: Gleich neben der Schranke, natürlich war der Parkplatz nicht abgezäunt oder sonst wie von der „Aussenstrassenwelt“ getrennt, erstreckte sich eine rieeeesige Rasenfläche. Man konnte also ganz einfach an der Schranke links vorbeifahren….gesagt, getan, das Schafprinzip. Macht es einer, machen es alle anderen auch. Das muss diese lockere südosteuropäische Mentalität sein. 🙂

Bonkas Eltern waren wirklich sehr sehr nett, auch wenn ich sie ja leider nicht verstehen kann. Zudem ich mir Worte in kyrillischer Schrift, auch vom „Design“ her nicht merken kann. Das ist wirklich schwierig. Mein „Bulgarisch“ erstreckt sich lediglich auf Schlagwörter wie „Milch, Messer, Socken, Zucker und Rasierer“. Damit hätte ich im Notfall zumindest etwas zu Trinken und warme Füsse 😉

Als erstes ging es zu einer historischen Festung aus dem 9. Jahrhundert. „Assens Fortress“. Der geschichtsinteressierte Leser sollte wissen, dass sie von den Byzantinern erbaut und von König Ivan Assen II verbessert wurde. Kleine Fakten am Rande. Neben der Ruine und der daran anschließenden Kapelle, davon wimmelt es in der Umgebung von Plowdiw, hatte man einen eindrucksvollen Blick auf die Natur, die so eindrucksvoll ist, wie ich es gar nicht erwartet und gedacht habe. Grün, tolle Berge, ein kleiner Fluss, ein paar Blümscher, wie der Hesse sacht. Einfach schei. Anschließend noch ein Besuch in einem Kloster und dann zum Mittagessen in eine Taverne an einem kleinen Flüsschen. Ich nenne das mal so. Kleine Restaurants, die an den Straßenrändern mit dem Geruch von Holzkohle und geräuchertem Fisch die hungrigen Gäste anlocken. Wie in Rumänien, kostet das Essen im Restaurant im Vergleich zu Deutschland auch in Bulgarien nicht viel. ca. 15 € für 2 Personen inkl. Getränke. Als Must-Have gab es den traditionellen Schopska-Salt. Tomaten, Salatgurke, bedeckt mit einem Berg aus Schafskäse. Dazu frittierte Kartoffeln mit Knoblauch und Dill. Frühstück. 🙂

Für den verdienten Mittagsschlaf ging es in das Hotel Maritza. Von aussen ein Raumschiff mit verspiegelter Glasfront, von innen eine Mixtur aus Swingerclub, Kleopatra’s Palast und Edelbordell. Alles in rot und gold. Auf einer Art Sänfte kann ich aus dem 11. Stock meinen Blick über die Stadt schweifen lassen. Vor meinem Bett steht eine weitere Sänfte, auf der….auf der eigentlich nichts liegt, weil ich gar nicht so viel dabei habe, mit dem ich diese 300qm Wohlfühloase mit Chaos füllen könnte.

Abends dann ein kleinen Stadtrundgang durch die Altstadt von Plwodiw! Daumen hoch! Wirklich schön, erneut viel schöner, als ich es gedacht habe. Es waren immer noch bestimmt 26 Grad. Dann das Zusammentreffen mit unseren KollegInnen aus Hamburg, ein leckeres Abendessen im „Hemingways“ und ein Spaziergang in der lauen Sommernacht, so fühlt es sich tatsächlich an…

Gute Nacht!

Zdrasti, Bulgaria!

„Eine Reise dauert 5 Tage“, „die nächste Reise ist die schönste“, „nach der Reise, ist vor der Reise“ – Wäre Sepp Herberger nicht eine deutsche Fußball-Legende sondern ein abenteuerlustiger Weltentdecker geworden, würden die eingangs erwähnten „Zitate“ vielleicht auch zu den oft zitierten Weisheiten des ehemaligen Bundestrainers gehören und uns somit eine perfekte Einleitung für unsere anstehende Bulgarienreise ermöglichen. Nach unseren tollen und eindrucksvollen Tagen in Rumänien werden wir im Mai die Möglichkeit nutzen und unsere KollegInnen aus Hamburg nach Bulgarien begleiten. Von Sonntag, den 11. Mai bis Donnerstag, den 15. Mai 2014 werden wir unterschiedliche soziale Projekte und Organisationen in Plovdiv und Sofia besuchen, um erneut mehr über die Lebenswelt unserer Klientel zu erfahren und Vernetzungsmöglichkeiten zwischen der AIDS-Hilfe Frankfurt am Main und entsprechenden Institutionen in Bulgarien aufzubauen. Auch dieses Mal werden wir auf dieser Seite kleine Tagesberichte  zum Lesen, Kommentieren und / oder Diskutieren veröffentlichen.

Anfang und Ende

Die weltweit bekannteste Internet-Suchmaschine „Google“ liefert zum Stichwort „Prostitution“ mehr als 40 Millionen Ergebnisse. Zugleich verdeutlicht der Blick auf die Vorschlagsliste der automatischen Vervollständigungsfunktion häufig verwendete Suchanfragen und -begriffe, die aus den Suchaktivitäten aller Google-Nutzer resultieren und somit augenscheinlich an Bedeutung und Aktualität besitzen. Neben „Prostitutionsgesetz“ und „Prostitution Doku“ wird in diesem thematischen Zusammenhang dem neugierigen Internetnutzer die Begriffskombination „Prostitution Rumänien“ unterbreitet. Entsprechend groß scheint das Interesse der „digitalen Gesellschaft“ an dem Verhältnis der kommerziellen Sexualität zu einem der ärmsten Länder der Europäischen Union.

Bei einer genaueren Betrachtung wird dabei schnell deutlich, dass sich die Inhalte der Suchergebnisse insbesondere auf die Lebensumstände und Schicksale rumänischer – meist weiblicher – Armutsprostituierten in Deutschland resp. in ihrem Herkunftsland beziehen. In zahlreichen Artikeln, Reportagen und Kurzbeiträgen präsentieren die neuen Medien ihren interessierten Lesern fragmentarische Ausschnitte einer gesellschaftlichen Grauzone der Gegenwart, die zudem regelmäßig durch Schlagworte wie „Illegalität“ und „Menschenhandel“ charakterisiert wird.

Im Kontrast dazu erhalten wir im Rahmen unserer Arbeit mit männlichen Prostituierten aus Osteuropa einen tieferen Einblick in die aktuelle, oftmals prekäre Lebenssituation „unserer Jungs“ und deren Familien, als dies in der medialen Berichterstattung möglich bzw. erwünscht ist. In zahlreichen Gesprächen werden uns regelmäßig die Wohnverhältnisse, Beschäftigungsaussichten und Diskriminierungserfahrungen unserer Klientel vor Auge gehalten, welche nicht selten am Anfang ihrer grenzüberschreitenden Suche nach einem besseren Leben im „Goldenen Westen“ stehen.

Daran anknüpfend bestand zu Beginn unserer Rumänien-Reise ein Hauptmotiv darin, unmittelbar vor Ort die Ausgangslage dieser zuversichtlichen wie hoffnungsvollen Suche selbst sehen, erleben und damit besser verstehen zu können. Aus welchen Verhältnissen versuchen (männliche) Armutprostituierte aus Osteuropa auszubrechen? Wie gelangen sie nach Deutschland? Welche Möglichkeiten existieren im Heimatland? Wie wird in Rumänien die mann-männliche Prostitution gesellschaftlich gewertet, unterstützt oder verhindert?

Letztere Frage steht dabei im engen Zusammenhang mit den Moralvorstellungen der orthodoxen Kirche, zu deren ebenfalls 83% der rumänischen Bevölkerung gehören. Sowohl Homosexualität als auch Prostitution werden in dieser Glaubensrichtung, die über eine nicht unerhebliche Menge an finanziellen Mitteln verfügt, scharf verurteilt. Umso überraschender war es auf direkte Nachfrage bei einem orthodoxen Pfarrer keine eindeutige Stellungnahme hinsichtlich des „Todsünden-Potenzials“ dieser zwei menschlichen „Abgründe“ zu erhalten. Viel lieber hob er, auch nach zweimaliger Nachfrage, beständig die sozialen Projekte seiner Kirche hervor. Eine religiöse Wertung war dagegen zwischen den Zeilen seiner Aussagen zu lesen. Er habe einen Fall gehabt, in dem eine Mutter ihm mitteilte, dass sie vermutete, dass ihr Sohn „so“ (homosexuell, lieber nicht aussprechen, wer weiß, ob es sich nicht doch überträgt) sei. Eine andere Frau gab ihm gegenüber zu, in einer Bar im Ausland zu tanzen. Das sei natürlich nicht „korrekt“ (m. a. W.: Höllenfeuer Stufe 3), aber auch da würde er helfen.

Die strafrechtliche Perspektive stützt sich auf die gegenwärtige Rechtslage, die Prostitution im Allgemeinen verbietet, wenngleich es selten zu einer Verurteilung kommt. Nach Einschätzung eines kommunalen Polizeibeamten – der ebefalls ganz persönlich ein Prostitutionsverbot aus moralischen Gründen befürwortet – gibt es in Brașov aktuell ca. 230 weibliche und 10 männliche Prostituierte. Kontaktanbahnungen zwischen Freier und weiblichen Prostituierten finden über das Internet, Anzeigen in Zeitungen, in den Räumlichkeiten von „erotischen Massage-Salons“ oder direkt auf dem Straßenstrich statt. Orte der mann-männlichen Prostitution stellen überwiegend Wohnungen dar. Eine Bar, in welcher bis vor kurzem „angeschafft“ wurde, ist mittlerweile geschlossen, so der Polizeibeamte weiter, da dort minderjährige Jungen angetroffen wurden.

Auch in Bukarest gibt es keine erkennbare mann-männliche Prostitutionsszene, so ein Mitarbeiter von ACCEPT. In der Millionenstadt existiert ein (!) einziger Club für Schwule und Lesben, der somit – neben dem Internet –  auch von Freiern und männlichen Prostituierten zur Kontaktanbahnung genutzt wird. Daneben verkörpert der Park am Hauptbahnhof „Gara Nord“ ein Bereich, der zur Armuts- und Beschaffungsprostitution genutzt wird. Ab 10 Lei (ca. 2,30 € für einen „Blowjob“) bieten hier junge Männer, darunter auch Roma, ihre Dienstleistungen an. Mehr Geld bieten die Freier bei Sexpraktiken ohne Kondom. Entsprechend wichtig und unerlässlich sind Projekte zur STI-Prävention, wie sie ACCEPT, ARAS oder Eu sunt! tu? durchführen, aber aufgrund des Fehlens finanzieller Mittel  in naher Zukunft beenden müssen bzw. bereits beendet haben.

Keines der Projekte erhält gegenwärtig staatliche oder kommunale Unterstützung, denn mit „Randgruppen gewinnt man keine Wahl“.Gelder des Global Fund, die bislang die Existenz der genannten NGOs sichern konnten, stehen ebenfalls nicht mehr zur Verfügung, infolgedessen die Präventionsarbeit in Clubs, Cruising Areas und an öffentlichen Orten, die auch zur Prostitution genutzt werden, nahezu gänzlich zum erliegen kam. Die einzig greifbare staatliche Unterstützung im Bereich HIV/AIDS besteht in Form eines kostenlosen – aber nicht anonymen – HIV-Tests und der kostenlosen medizinsichen Behandlung von HIV-Positiven Menschen. Betroffene erhalten zudem eine kleine monatliche Rente sowie eine Art „Behindertenausweis“, mit dem sie kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können.

Diese Informationen waren und sind für unsere Arbeit von besonderer Bedeutung. In den meisten Fällen verfügt unsere Zielgruppe über keinen bestehenden Krankenversicherungsschutz. Bei einer Infektion mit dem HI-Virus stellt sich folglich die Frage, auf welche Art und Weise eine medizinische Versorgung mit ggf. notwendigen Medikamenten gesichert werden kann. Der Weg zurück nach Rumänien stellt in diesem Zusammenhang somit eine der wenigen erfolgversprechenden Möglichkeiten dar.

Kurz vor Ende unserer Reise (es ist nun 02.00 Uhr, das Hotelzimmer hat sich  auf geschmeidige 40 Grad aufgeheizt, es existiert zwar ein Fenster, das kann man aber nicht öffnen, die rumänische Mitbringsel-Schokolade hat sich verdächtig verflüssigt, die Werbung im Fernsehen zeigt auffällig leicht bekleidete Damen) werfen wir noch einen abschließenden Blick auf die Reise jener jungen Männer und Erwachsene, die wir beim Streetwork oder im KISS antreffen.

Die „Flucht“ vor Armut im Heimatland ist augenscheinlich der wichtigste Migrationsanreiz und beschreibt darüber hinaus keine sonderlich neue Erkenntnis. Dennoch haben uns sicherlich die Verhältnisse vor Ort – ich spreche mal aus der Sicht eines westeuropäischen Mittelschicht-Kids, das ich nun mal bin –  für die offensichtliche Perspektivenlosigkeit unserer Klientel in ihrer ursprünglichen Heimat sensiblisiert. Gleichzeitig tritt im Kontext internationaler Wanderungen von Rumänien nach Deutschland stetig der Begriff des Menschenhandels zu Tage, deren Bekämpfung in Rumänien an Bedeutung zu gewinnen scheint. Sowohl die Polizei, als auch das Jugendamt und die zuständige Abteilung des Innenministeriums, mit denen wir jeweils sprechen durften, zeichneten Migrationsbewegungen von Ost- nach Westeuropa nach, die ihren Ursprung in der vermeintlichen Aussicht auf eine gutbezahlte Erwerbtstätigkeit in den alten EU-Staaten finden. Die Realität zeigt sich dagegen, so die Kernaussagen der Institutionen, in erzwungenen Tätigkeiten zum „Betteln“, zur unterbezahlten und illegalen Arbeit im Baugewerbe sowie in der Prostitution. Inwieweit dies tatsächlich für unsere Zielgruppe zutriff – zumeist geht es im Bereich der Zwangsprostitution um Frauen – lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Darüber hinaus beinhaltet die mann-männliche Prostitution für osteuropäische Migranten nicht nur bessere Verdienstmöglichkleiten. Sie findet zudem in Ländern, zum Beispiel in Deutschland, Spanien, England oder den Niederlanden, statt, die in Osteuropa als liberaler und offener gelten und daher für (homosexuelle) Migranten ein geeignetes Reiseziel verkörpern…

București bei Nacht

Es fährt ein ein Zug nach nirgendwo“ heißt ein berühmter Titel des immer weniger berühmt werdenden Schlagersängers Christian Anders. Glücklicherweise fuhr unser Zug wie geplant und ohne Zwischenfälle nach Bukarest. Denn heute war leider der Tag gekommen, Brașov vorerst den Rücken zu kehren und unsere Reise in der Haupstadt Rumäniens fortzusetzen. Viele tolle Tage durften wir in Kronstadt verleben, viele herzliche Wiedersehen feiern (Ramona), viele neue und nette Menschen kennenlernen (ich aka Matei). An dieser Stelle schon einmal ein kleines großes Dankeschön für den herzlichen Empfang, die Stadtführungen, die Essenseinladungen, den Taxi-Service, die Wohnzimmer-Couch!

Nach drei bequemen und sonnigen Zugstunden nährten wir uns București. Unser Hotel ist nur 10 Gehminuten von Bukarests Hauptbahnhof entfernt, sodass wir bereits auf dem Weg in unsere neue Herberge einen kleinen Eindruck über die rumänischen Millionenstadt erhalten konnten. Alles ist ein wenig hektischer, größer und unübersichtlicher. Dennoch blieb uns heute keine Zeit für eine ausgedehnte Sightseeing-Tour, da wir heute Abend die Streetworker von ARAS (Asociaţia Română Anti-SIDA) begleiten durften.

Ihre Räumlichkeiten liegen in Bukarest auf dem Gelände der Klinik für Infektiologie. Thematisch passend verfügen sie über zwei umgebaute Ambulanzwagen, inkl. funktionierenden Blaulichts, mit denen sie zwei Mal am Tag ca. 45 Plätze im Stadtzentrum abfahren. Ihre Zielgruppe umfasst Menschen ohne festen Wohnsitz, DrogengebraucherInnen, Roma sowie männliche und weibliche Prostituierte. Entsprechend umfasst ihr Angebot die Ausgabe von Kondomen und gebrauchten Spritzen, einen HIV-Schnelltest, der direkt im „Streetwork-Ambulanz-Wagen“ durchgeführt werden kann, sowie Beratungsgespräche zu gesundheitlichen und sozialen Angelegenheiten.

Gegen 21.00 Uhr fuhren wir los. An unterschiedlichen Plätzen halten die insgesamt drei Mitarbeiter dieser Schicht Ausschau nach ihrern größtenteils langjährig-bekannten KlientInnen. Schließlich parken wir in der Nähe der rumänischen Nationalbank. Ein hagerer Mann mit einer verbundenen Hand kommt auf sie zu und erhält nach einer anonymisierten Registrierung – diese wird von allen KlientInnen erhoben –  eine Packung sterile Nadeln. Am nächsten „Hot-Spot“ steht ein Polizeiwagen. Wir fahren weiter. Das Verhältnis zwischen den ARAS-Mitarbeitern und der örtlichen Polizei ist frostig. Es gibt keine Zusammenarbeit, da beide unterschiedliche Zielsetzungen verfolgen. Zustäzlich erschwerend ist die Tatsache, dass Beamte vereinzelt die Illegalität der Prostitution sowie die Armut und / oder Drogensucht der Prostituierten für ihre persönlichen Zwecke ausnutzen. Beispiele scheint es genug zu geben. Nach Erzählungen der Mitarbeiter besteht eine Praktik darin, die Dienstleistungen der Prostituierten über mehrere Stunden selbst und „selbstverständlich“ kostenlos in Anspruch zu nehmen. Eine weitere Variante beinhaltet die Aufforderung, das verdiente Geld an die Polizisten auszuzahlen. Bei „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ droht jeweils Arrest, der bei einem kompulsiven Drogengebrauch zudem Entzugserscheinungen beinhaltet.

Die nächtliche Fahrt durch Bukarest geht weiter. An einer Straßenecke kommen vier bis 5 Prostituierte an den hell erleuchteten Ambulanzwagen. Sie erhalten Kondome – Frauen bekommen 40 Stück, Männer nur 4 Stück (!) – und begrüßen auch uns. Eine spricht ein bisschen Deutsch. Sie war bereits in Dortmund und Essen in einer Wohnung „anschaffen“, um ihre Familie zu unterstützen. Hinter uns hält ein Wagen. Eine der Prostituierten geht zu ihm und gibt einem Mann darin Geld. Es handelt sich dabei um eine Art Kunden-Vermittler, Beschützer, Partner und Lover in einer Person. Viele der Frauen, die wir heute Abend antreffen, sind in männlicher Begleitung. Der Durchschnittsverdienst einer Prostituierten liegt bei 35 bis 70 € am Tag. Das Durschschnittsalter bei 16 bis 24 Jahre.

Auf dem Weg zum nächsten Treffpunkt in Richtung Stadtende treffen wir noch einen Mann, der zwischen den Fahrbahnen sitzt und bettelt. Der Verkehr ist auch jetzt noch dicht. Er erkennt den Ambulanzwagen und winkt in unsere Richtung. Wir halten. Er humpelt auf die andere Straßenseite, begrüßt uns freundlich und  erhält ebenfalls eine Packung sterile Nadeln. Weiter draußen treffen wir erstmals einen männlichen Prostituierten. Er spricht Ramona an, die aufgrund der Kälte eine rote ARAS-Jacke trägt und somit schneller einen neuen Arbeitsplatz gefunden hat, als ihr das möglicherweise lieb war. 😉 Er nimmt sich seine Kondome und zieht wieder in die Nacht hinaus.

Nach Einschätzung der Streetworker findet die mann-männliche Prostitution in Rumänien überwiegend in klandestinen Clubs statt, zu denen sie keinen Zugang haben. Auch darin zeigt sich die moralische und rechtliche Beurteilung der mann-männlichen Prostitution, die sich in der Folge ihre eigenen, von Außen unentdeckten Nischen sucht.

Auch wir sind am Ende dieser schicht angekommen. Im Juli dieses Jahres ist das Streetwork-Projekt von ARAS endgültig vorbei. Es gibt keine finanzielle Unterstützung mehr…